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DEUTSCHLAND UND NEUSEELAND AUF TUCHFÜHLUNG

Freundliche Beziehungen über mehr als 60 Jahre

Die geografische Distanz zwischen Neuseeland und Deutschland ist die größtmögliche Entfernung zwischen zwei Ländern weltweit. Dennoch sind sich die beiden Länder in mehr als 60 Jahren in den unterschiedlichsten Bereichen immer näher gekommen. Politiker, Bürger, Schüler, Wissenschaftler, Künstler, Literaten, Musiker, Geschäftsleute – die Liste kann stets erweitert werden und zeigt die enge Kooperation, eine ähnliche Weltansicht, vielfältigste Beziehungen und nicht zuletzt eine tiefe Freundschaft zwischen Neuseeland und Deutschland. 

Wenn man heute die Veranstaltungsseite des Goethe-Institutes in Neuseeland studiert, jagt tatsächlich ein Event das nächste. Ausstellungen, Konzerte, Workshops - der Kultur und Literaturaustausch zwischen Deutschland und Neuseeland ist seit der Etablierung des Institutes 1980 immer aktiver geworden. Doch über diese bilateralen Beziehungen und offensichtliche politische Kooperationen gibt es noch unzählige weitere teils erstaunliche Berührungspunkte zwischen Deutschland und Neuseeland, die dem Normalbürger oft gänzlich unbekannt sind.

Die frühen Anfänge

Bereits im frühen 19. Jahrhundert kamen die ersten deutschen Siedler nach Neuseeland. Deutsche zählten laut Statistik nach den britischen Siedlern zur zweitgrößten Einwanderungsgruppe im 19. Jahrhundert. Doch aufgrund der großen geografischen Entfernung und mangelnder Infrastruktur und Technik gab es nur geringen Austausch zwischen den deutschen Neubürgern Neuseelands und ihrem Mutterland Deutschland. Mit der Ankunft des ersten deutschen Botschafters am 10. November 1953 begannen nun offiziell die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Erich Boltze reiste damals noch mit dem Schiff auf dem langen Seeweg in die von der Heimat entfernteste deutsche Botschaft der Welt. Selbst die Suche nach einem geeigneten Gebäude für die diplomatische Vertretung gestaltete sich schwierig. Ein zunächst erworbenes Grundstück musste dem Bau der Autobahn weichen. Doch bereits nach einer Woche wurde der deutsche Botschafter vom damaligen Premierminister Sidney Holland persönlich empfangen. Der enge Kontakt und ein besonderes gegenseitiges Interesse fanden hier ihre Wurzeln.

„Neuseeland und Deutschland können geografisch kaum weiter voneinander entfernt liegen und doch teilen wir gemeinsame Werte“, bringt Dr. Anne-Marie Schleich, frühere deutsche Botschafterin in Neuseeland die Beziehungen auf einen Punkt. „Dies betrifft vor allem wichtige globale Themen wie Demokratie, Menschenrechte und stabile internationale Organisationen. Besonders deutlich werden diese Gemeinsamkeiten bei dem internationalen Engagement unserer Länder. Und gerade auch bei den kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen haben wir viele verbindende Themen.“ Schon früh hielten die Neuseeländer die deutsch-deutsche Teilung für „untragbar“. 1962 schrieb der deutsche Gesandte aus Neuseeland an das auswärtige Amt in Bonn: „Wir können Neuseeland zu den engsten und vertrauenswürdigsten Freunden der Bundesrepublik Deutschland zählen.“ Als Helmut Kohl 1997 schließlich als erster deutscher Bundeskanzler nach Neuseeland reiste, bedankte er sich offiziell für die Unterstützung im Wiedervereinigungsprozess.

Buchmesse-Foto: Neuseeland war 2012 Ehrengast bei der Internationalen Frankfurter Buchmesse

Gegenseitiger Respekt, gemeinsame Interessen

1986 besucht die neuseeländische Royal Commission on Electoral Reform Deutschland und war vom deutschen Wahlsystem so angetan, dass sie es in leicht veränderter Form 1996 übernehmen. Seither ist das neuseeländische Wahlsystem dem deutschen viel ähnlicher als dem britischen. Doch auch die Völker beider Nationen scheinen sich gut zu verstehen. Wenn man heute die Bürger auf der Straße befragt wird deutlich, wie sehr man die jeweils andere Nation schätzt und respektiert. Unzählige gemeinsame Interessen, wie Wandern, Radfahren oder Musikverständnis werden in Deutschland und Neuseeland geteilt. So sind viele Deutsche fasziniert von Neuseelands wunderschöner Natur, lieben die offenen Menschen downunder und sehen den Kiwi-Lifestyle als absolut erstrebenswert an. Neuseeland ist lange schon mehr als nur das kleine Land am Ende der Welt in dem es Millionen von Schafen gibt und welches die Kiwi-Frucht in die Welt exportiert. Auch die deutsche Botschafterin hat bei ihrer Ankunft in Neuseeland viele positive Erfahrungen gemacht. „Der erste Eindruck eines Landes wird in der Regel durch die Menschen vermittelt. Vom ersten Tag an empfingen mich die Neuseeländerinnen und Neuseeländer – sei es im privaten oder im dienstlichen Bereich – freundlich, unkompliziert und mit einem außerordentlichen Maß an Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit,“ so Dr. Anne-Marie Schleich.

Im Gegensatz dazu bewundern die Neuseeländer beispielsweise das deutsche Ingenieurwesen, die uralte Historie des Landes und die Reiselust der Deutschen, die den weiten Weg nach Neuseeland kommen. „Die vielen Schlösser, Burgen und antiken Kirchen sind wirklich beeindruckend. Wenn ich mir vorstelle, dass dieses Haus in dem ich gerade in einer WG lebe, über tausend Jahre als ist, das ist wirklich unvorstellbar und wahnsinnig faszinierend“, erklärt Caitlyn Westbrooke während ihres Studiums in Heidelberg. Viele Vorurteile gegenüber Deutschen, wie beispielsweise humorlos und konservativ zu sein, haben sich gewandelt.

„Ich glaube viele Deutsche haben einfach einen trockenen Humor, der dann oft in Übersetzungen fehlinterpretiert wird“, erklärt Peter Rider, früherer neuseeländischer Botschafter in Berlin. „Deutsche sind innovativ und selbstsicher. Ich liebe den Alltag hier in Berlin. Es gibt kaum Hügel und das Umland ist ein Radfahrerparadies“, schwärmt er.

Vielfältig Beziehungen die Früchte tragen

Nur wenige Jahre nach der Ankunft des ersten Boschafters wurde 1959 das erste Handelsabkommen zwischen Neuseeland und Deutschland abgeschlossen. 1972 führte man die Visumsfreiheit in beide Richtungen ein welche dreimonatige Besuche der Bürger im jeweils anderen Land ermöglichen. 1977 unterzeichnete man ein Abkommen zur wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit, ein Jahr später ein Doppelbesteuerungsabkommen. Das Work and Travel-Visum für junge Leute wurde im Jahr 2000 ins Leben gerufen. 2005 anlässlich der Ko-Produktion „Whale Rider“ initiierte man sogar ein gemeinsames Filmabkommen.

Diese politischen Grundlagen pflanzten neue Samen für die Ausweitung und Intensivierung vieler deutsch-neuseeländischer Beziehungen. Die Wirtschaftskontakte florieren. In Neuseeland sind mittlerweile über 300 deutsche Firmen vertreten, 106 davon haben sogar einen eigenen Firmensitz in Neuseeland eröffnet. Neben großen Marken wie Adidas, Schenker oder Mercedes haben sich auch Unternehmen wie Bayer, Knauf, Draeger, Poggenpohl, Staedtler oder Liebherr am Ende der Welt etabliert. Auf der anderen Seite kommt das beliebte Jetboat aus Neuseeland, Technik für die Farmwirtschaft, Amphibienfahrzeuge oder ultraleichte Gipsverbände.

Alleine rund 8.000 junge Deutsche reisen jährlich nach Neuseeland, um hier ihre Work-and-Travel-Erfahrung zu absolvieren und Land und Leute näher kennen zu lernen. Über 40.000 Deutsche jedes Jahr verbringen ihren Urlaub in Aotearoa. „Deutsche sind auch unsere liebsten Touristen“, so Rider im Gespräch. „Sie bleiben länger als jede andere Nation und reisen im Gegensatz zu anderen Touristen auch abseits der ausgetretenen Pfade.“ Aus dieser Liebe zum Land und der Reiselust beider Nationen entsteht auch so manche freundschaftliche Beziehungen zwischen Kiwis und Deutschen. Man findet immer mehr gemischte Ehen und Familien aus beiden Nationen. Viele Deutsche machen heute Neuseeland zu ihrer neuen Heimat.

Die intensive wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern ist eine der fruchtbarsten Brücken. Jeder siebte neuseeländische Kollege hat Umfragen zufolge heute Kontakte zu deutschen Kollegen. 90 Prozent aller wissenschaftlichen neuseeländischen Projekte und Gelder werden von der Regierung in Wellington in deutsche Kooperationen investiert. So arbeitet ein multi-nationales Team unter der Leitung einer deutschen Wissenschaftlerin beim neuseeländischen Forschungszentrum GNS Science an der Analyse von Eis-Proben vom Roosevelt Eisschelf in der Antarktis. Man hofft, mehr über den Klimawandel der letzten 30.000 Jahre zu erfahren, um so bessere Prognosen für die Zukunft stellen zu können.

Die Universität von Waikato und das Geoforschungszentrum in Potsdam kooperieren eng in dem Bereich der Altersringbestimmung verschiedener Bäume. Das Fraunhofer Institut aus Stuttgart und die Universität in Auckland arbeiten gemeinsam an der Entwicklung hochtechnischer medizinischer Roboter für Prothesen. Doch das ist nur der Gipfel des Eisberges, unzählige weitere Beispiele zeigen die hervorragende Kooperation und Errungenschaften der Wissenschaftler aus beiden Ländern.

Austausch ungeschlagen

Im Bereich Literatur, Musik und Kultur ist der Austausch in den letzten Jahren ungeschlagen. Viele neuseeländische Literaten verbrachten gemeinsam ein Jahr in Berlin. Auch junge Musiker wie Reuben Bonner und seine Band An Emerald City entschieden sich, statt nach London oder New York nach Berlin zu gehen. „London ist für uns Kiwis zu teuer, wer will schon nach New York. Für uns war Berlin das ideale Pflaster und seit unserem ersten Jahr dort und einigen neuen Alben sind wir schon zweimal zurückgekehrt. Ich kann das wirklich nur jedem Musiker empfehlen - eine tolle Erfahrung und ein wahnsinnig wichtiger Einfluss für uns!“ 

Da Neuseeland in 2012 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war, konnte sich Aotearoa neben seiner Literatur auch mit vielen anderen Gesichtern präsentieren. So bekamen die Deutschen und 90.000 Besucher gesamt fantastische Einblicke in die innovative Küche des Landes, seine Musikszene, Künstler und die interessante Kultur der Maori. 

Persönliche Erfahrungen, herzliche Wärme, tiefe Freundschaften, Hightech und moderne Kommunikation lassen die Distanz zwischen Deutschland und Neuseeland immer weiter schrumpfen. Beide Länder sind sich näher denn je. Mit weiteren Veranstaltungen und gezielter Förderung engagieren sich beide Nationen in gemeinsamen Projekten um künftig noch engere und intensivere Kooperationen zu etablieren. „Von unserer Seite aus hoffen wir bei vielen Neuseeländern Deutschland unabhängig von England noch stärker auf den Radar zu bekommen“, wünscht sich Peter Rider. Anja Schönborn


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Last updated 10 August 2017


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Buchmesse-Foto: Kulturaustausch mit Maori-Tänzern bei der Eröffnungs-Zeremonie der Internationalen Buchmesse 2012 in Frankfurt