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NN-Reporterin Tina Hartung fällt aus allen Wolken

Als ich beim NZONE Office in Queenstown einchecke, wird mir ganz schön mulmig.  Als ob mir jetzt erst klar wird, dass ich dabei bin, mich in 5000 Meter Höhe aus einem Flugzeug zu werfen!  Wenn ich mich besser vorbereitet hätte, würde ich wissen, dass es keinen Grund zur Sorge gibt: Unfälle sind extrem selten (in nur 0,0001 % aller Fälle) und in den wenigsten Fällen ist ein sich nicht öffnender Fallschirm daran schuld.

Meine Mitspringer und ich werden mit aparten „one size fits all“ Springoveralls ausgestattet. Sowas wie eine Pilotenkappe, die sich eng und flach an den Kopf anschmiegt, sowie eine ulkige Brille vervollständigt unser Outfit. Wir schlüpfen in den Body-Harness, der von unserem Tandem-Master im Verlauf der Vorbereitung immer wieder fachmännisch gecheckt wird. Ein einführendes Video zeigt uns, wie wir uns am besten aus dem Flugzeug stürzen ohne den Tandem-Master zu sehr zu behindern.

Wie es das Schicksal will, sind wir Ladung 13, wenn das mal gut geht. Wir besteigen das Flugzeug in der genauen Sprung-Reihenfolge  – nur andersrum.  Weil ich mit 5.000 Metern den höchsten Sprung mache, sitze ich ganz hinten im Flugzeug vor meinem Tandem-Master. Wir sitzen auf der Pritsche aufgereiht wie Schaschlik-Stückchen auf einem Spieß. Das Flugzeug startet und schraubt sich Kurve um Kurve nach oben. Unter uns breitet sich das tiefe Blau des Sees Wakatipu aus, flankiert von dem wunderschönen Relief der ihn umrundeten Bergketten. Ich versinke in dem tollen Anblick und versuche ans Nirvana zu denken, was mir aber nicht so ganz gelingt. Die anderen stülpen ihre Kappen über und der Tandem-Master prüft den Sitz der Brille.

Dann geht die garagentorgrosse Luke auf und einer nach dem anderen purzeln nach draussen. Ian, der Kameramann für meinen Fall, schliesst die Luke ungerührt wieder und das Flugzeug setzt seinen Höhenflug unbekümmert fort. So, jetzt bin ich die nächste und auf einmal wird die Luft im Flugzeug etwas dünn. Wie auf Kommando reicht mir Tandem-Master Allan die Sauerstoffmaske und ich nehme dankbar ein paar tiefe Atemzüge.

Wie ich es mir gewünscht habe, sind wir bald 2000 Meter über Mt Earnslaw und erreichen unsere Fallhöhe. Die Erhabenheit der Berge gibt mir Kraft und Mut. Ich ziehe die Kappe auf, Allan zurrt meine Brille und alle anderen Gurte fest und bugsiert mich Richtung Luke. „Ready?“ fragt er vollkommen überflüssigerweise und ich antworte in gespieltem Humor: „Whatever you do, try not to lose me.“  Kameramann Ian hängt bereits aussen am Türrahmen, während wir erst vorwärts aus dem Flugzeug springen und dann wie von Geisterhand rückwärts weiterfallen.

Alles ist cool, neu und unerwartet.  Ich hab mich schon immer gerne fallen lassen, allerdings war das bisher auf Sprünge an einem Bungy beschränkt. Der Freifall mit einer Geschwindigkeit von etwa 200 km/h ist eine etwas andere Geschichte. Der Wind zerrt an meinen Armen und Beinen und an meinem Overall und zwar so stark, dass mir der Atem wegbleibt. Wow, das ist supercool! Das Gefühl zu fallen wird komplett ersetzt von dem Gefühl zu schweben.

Natürlich vergesse ich, die Beine abzuwinkeln wie sie es uns in dem Einführungsvideo gezeigt haben und Allan erinnert mich mit einem Klapps auf die Beine daran. Ach, Allan, lass mich doch, ich geniess grad die Aussicht! Ich hab meine Augen fest auf die Berge neben dem glitzernden blauen See geheftet, aber wir drehn uns langsam und ich sehe die Häuser der von Queenstown.  Kameramann Ian schwebt ein wenig unter uns und gestikuliert wild mit seinen Armen. Er will eine filmreife Show für seine Kamera, aber jede anmutige Bewegung wird bei dieser Geschwindigkeit im Keim erstickt und so fuchtele ich nur wild mit den Armen.

Der 60 Sekunden-Fall dauert länger als erwartet und doch bin ich enttäuscht, als wir plötzlich jäh nach oben und in eine aufrechte Position gerissen werden - der Fallschirm hat sich geöffnet. Nicht, dass ich das angezweifelt hätte. In der Tat hab ich in der letzten Minute gar nicht darüber nachgedacht. Das Gefühl, mehrere Meter nach oben gezogen zu werden, ist intensiv und trotzdem nur eine Täuschung der Sinne.

Mit dem geöffneten Fallschirm kehrt vollkommene Harmonie und Stille in die eben noch mehr als hektische und ohrenbetäubend laute Bewegung ein. Wir segeln nun ruhig mit dem Wind und dieses Gefühl steht in einem so krassen Gegensatz zu der extremen Erfahrung des freien Falles bei 200 km/h, dass es mir zum 2. Mal an diesem Tag den Atem verschlägt. Das ist einfach wunderbar hier oben. Still, so still nach dem tosenden Rauschen des Windes zuvor. Allan lockert die Gurte des Harness, der inzwischen empfindlich an den falschen Stellen einschneidet und das Glück des Schwebens ist perfekt. Mein Gehirn ist dankbar für die Ruhe, die jetzt einkehrt und jede Pore von mir in Beschlag zu nehmen scheint.  Nach einer Weile stelle ich verwundert fest, dass ich Ian nirgendwo sehen kann. „Er hat einen kleineren Fallschirm und ist schon unten,“ erklärt Allan. Armer Ian, denke ich.

Leise rauscht der Fallschirm bei jeder Drehung im Wind. Oh, was ich darum geben würde, jetzt die Zeit anhalten zu können! Wir drehen hin und wieder eine elegante Kurve, bei denen mein Magen ein wenig hüpft. Viel zu schnell schweben wir dem Flugplatz entgegen. Wups, gleich sind wir vorbei, ach nein, noch eine Drehung, dann schweben wir auf die Zielgerade, die eine Rasenfläche ist. Allan landet sanft und elegant auf den Füßen und in der nächsten Sekunde stehe ich auf dem Rasen und lächele verdattert in die laufende Kamera. Allan schnallt mich los und entläßt mich aus unserem Zweierpack.

Ich bedanke mich wohlwissend, dass ein „Danke“ niemals genug sein kann. Wie bedankt man sich für das Geschenk des Fliegens? Für die 10 intensivsten Minuten meines Lebens? Mit wackligen Beinen und randvoll mit Emotionen stackse ich auf den Rest der Ladung 13 zu, die mich breit grinsend erwarten. Oh je, schwahnt es mir, das war so schön, das muss ich noch öfters haben! Tina Hartung


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Last updated 15 December 2011


Foto: NN-Reporterin Tina Hartung beim Skydive-Tandem-Sprung

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Foto: NN-Reporterin Tina Hartung fällt aus allen Wolken