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Die Nachfahren der St. Pauli

Foto: Erste Kirche St. Pauli im deutsch gegründeten Ort Sarau, heute Upper Moutere

Im Juni 1843 läuft der Hamburger Dreimaster St. Pauli in den kleinen Hafen von Nelson ein: 140 Passagiere taumeln von Bord, darunter vier lutherische Missionare. Es sind die ersten deutschen Siedler, die neuseeländischen Boden betreten. Sie haben eine Überfahrt von einem halben Jahr hinter sich. Der Schiffspassage ans andere Ende der Welt war eine Kampagne der New Zealand Company voraus gegangen: Eine Werbeschrift offerierte Emigrationswilligen ein fernes Land mit fruchtbarem Boden, einem vertrauten Klima, mit Holz im Überfluss und Gewässern, reich an Fischbeständen ... Das klang nach Paradies.

Zweihundert Jahre zuvor hatte der holländische Seemann Abel Tasman das Eiland entdeckt - als nicht endende hohe Klippen, hinter denen sich Berge bis in die Wolken türmten. Es war die schroffe Westküste Neuseelands, die vor Tasman lag. Als sein Schiff vor Anker ging, geriet der Landgang zum Fiasko: Ein Maori-Kriegskanu griff eines der Beiboote an, vier Mann der Besatzung kamen ums Leben. Überstürzt drehte Abel Tasman in Richtung Nordinsel ab... Nach dieser schockierenden Begegnung mit den ´braunen Wilden´ sollten noch einmal hundert Jahre vergehen, bevor sich erneut ein Europäer der Küste Neuseelands näherte: 1769 steuerte James Cook jenes Inselpaar an, das auf den Karten der Holländer inzwischen als Nieuw Zeeland eingetragen war. Das Zusammentreffen mit den Maori - die Cook und seine Crew für Indianer hielten - verlief diesmal weniger dramatisch, und so ankerte der Engländer hier mehrmals... stets begleitet von Botanikern, Zoologen und Astronomen. Bei seiner zweiten Tour war auch Johann Reinhold Forster an Bord, ein deutscher Naturforscher. Dessen Beschreibung der neuen Welt aus dem Jahr 1773 war überwältigend und steigerte wohl die Erwartungen der ersten Neuseeland-Emigranten: Von schönstem Wetter und sanften Winden schwärmte Forster, von malerischen Felsen - teils bewaldet, teils scharenweise von Wasservögeln bewohnt - von anmutigen Gesängen gefiederter Waldbewohner... Innigste Zufriedenheit hatte den deutschen Forscher beim Anblick dieser Szenerie erfasst. Selbst bei seiner Beschreibung der Maori überwog das Positive. Cooks Landgängen folgte eine schleichende weiße Invasion: Anfang des 19.Jahrhunderts besiedelten Robbenjäger die Außenposten der Doppelinsel, fällte die britische Kriegsmarine für den Bau von Schiffsmasten massenhaft Kauribäume, belieferten australische Holzfäller die Werften von Sydney mit Holz. Walfänger siedelten sich an. Englische, französische und amerikanische Schiffe brachten Träumer und Abenteurer an Land, Missionare und einen französischen Baron. Doch hielt sich die Besiedelung Neuseelands durch Europäer vor 1830 in Grenzen, lebten hier nicht mehr als 3000 Weiße - eine Minderheit gegenüber den etwa 100 000 über die Inseln verstreuten und bereits tausend Jahre zuvor eingewanderten Polynesiern... den Maori. Das Verhältnis sollte sich ändern.

Deutsche Nachbarn erwünscht

Als im Dezember 1842 in Hamburg die St.Pauli ausläuft, existiert am anderen Ende der Welt bereits ein Vertrag zwischen der englischen Krone und einigen Maori-Häuptlingen, besitzt die Königin von England die Oberhoheit über Neuseeland. Den Häuptlingen wurde dafür das Besitzrecht über angestammtes Maori-Land sowie die vollen Rechte als britische Staatsbürger zugesichert. Seit diesem Vertrag von Waitangi - einer ebenso wohlmeinenden wie windigen Angelegenheit - ist Neuseeland endgültig eine britische Kolonie. Die Besiedlung erfolgt nun auf koordiniertere Weise. Bevorzugt für eine Ansiedelung werden selbstverständlich Engländer, Iren und Schotten. Doch befinden wir uns in einer Epoche, in der sich die Briten durchaus auch Deutsche als Nachbarn vorstellen können: Queen Victoria nimmt 1842 Prinz Albert zu Sachsen-Coburg und Gotha zum Gemahl, die New Zealand Company wirbt schon weit im Vorfeld in deutschen Landen. Nicht jeder ist selbstverständlich erwünscht, die Briten wollen einen passgerechten Zuwachs: So fordert die Werbeschrift der New Zealand Company von den Ausreisewilligen denn auch "...energische Tätigkeit, Festigkeit, Entschlossenheit und vor allem ein heiteres Gemüth"... denn "kleinmüthige Ängstlichkeit oder ein trübes, niedergeschlagenes Temperament" vergrößere die Übel statt "fröhlich die Pflichten und Obliegenheiten der Gegenwart zu erfüllen"... Angemahnt wird eine stabile Gesundheit, und als besonders geeignet gelten Familien mit Kindern, bei denen die Eltern die Vierzig nicht überschritten haben. All diese Bedingungen erfüllt der 32-jährige Tischler Cordt Bensemann aus Norddeutschland, der mit Frau und drei kleinen Kindern nach Neuseeland aufbricht. Bensemann ist ein Allround-Talent mit grossem handwerklichen Geschick und einer gediegenen Bildung. Er hat im Garde-Regiment des Prinzen von Hannover gedient und in dieser Eigenschaft 1837 der Krönung von Königin Victoria beigewohnt. Er mag die Engländer. An Bord der St.Pauli begibt sich der Schuhmacher Friedrich Wilhelm Haase mit seiner Frau Friderike, die er nur Tage zuvor in Bremen geehelicht hat. Auch vier lutherische Missionare brechen ins ferne Neuseeland auf, um ihre Landsleute geistlich und seelsorgerisch in der neuen Welt zu begleiten. Sie wurden im Missionshaus von Hamburg auf ihre Aufgabe vorbereitet. Einer der Gottesmänner ist der 28- jährige Johann Wilhelm Heine aus der Nähe von Kiel.

Foto: Deutsche Hopfenernte in der heutigen Region um Nelson

Die Überfahrt

Am 2. Weihnachtsfeiertag 1842, nach einem Abschiedsgottesdienst in der St.Georgskirche, verlässt die St. Pauli den Hamburger Hafen. Doch kaum erreicht das Schiff die offene See, wird es auch schon von einem heftigen Sturm erfasst und Richtung skandinavische Küste getrieben. Vier Wochen dauert es, bevor es dem Kapitän schliesslich gelingt, den 380-Tonner durch den Englischen Kanal zu steuern. Es wird nicht das einzige Abenteuer dieser langen Reise bleiben. Während des halben Jahres Überfahrt sterben vier Kinder, wird eines geboren, gibt es Fälle von Cholera. Doch glaubt man den Tagebuchaufzeichnungen eines der Missionare, so handelt es sich insgesamt um eine eher fröhliche Reise, segelt kaum einer mit "trübem, niedergeschlagenem Temperamente" : Es gibt mehrere Eheschließungen an Bord. Die Dialekte mischen sich, denn die ersten Neuseeland- Siedler kommen aus Bayern, Preußen, Sachsen und Niedersachsen, aus Böhmen und von der Nordseeküste. Sie heißen Müller, Schauder, Heine, Hempel, Haase oder Bensemann... sind Händler und Schumacher, Tischler oder Diener irgendwelcher Herrschaften gewesen, einer ist Arzt, etliche geben als Beruf ‚Arbeiter'an. Frauen und Kinder gibt es zuhauf an Bord, darunter mehrere Witwen. Man lernt einander durch viele Gespräche kennen. Die Missionare erteilen den Kindern auf See Unterricht in Lesen, Schreiben, Bibelstudium. Sonntags ist Gottesdienst für alle - ein ökumenischer, die Passagiere sind schließlich Lutheraner, Römisch-Katholische und Baptisten. Erlaubt es das Wetter, findet der Gottesdienst mit Blick in des Schöpfers weite Ferne statt... Die Wochen und Monate vergehen. Während eines Zwischenstopps auf den Kapverdischen Inseln wird frisches Wasser aufgefüllt. Reparaturen fallen an nach mehreren schweren Stürmen auf hoher See. Umrundet wird irgendwann das Kap der Guten Hoffnung und am 14.Juni 1843 brüllt endlich ein Matrose den entscheidenden Satz: "Land in Sicht!" Vor der St. Pauli liegt die neuseeländische Küste. Alles stürzt an Deck - das also ist ihr neues Heimatland! "Bis hierher hat uns Gott gebracht in seiner großen Güte!" formuliert Pastor Heine, was auch die anderen denken. Dann stimmen Groß und Klein den lutherischen Choral “Nun danket allen Gott” an. FREYA KLIER Fortsetzung folgt.


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Last updated 12 August 2011


Foto: Die St. Pauli-Kirche heute in Upper Moutere

Im Juni 1843 läuft der Hamburger Dreimaster St. Pauli in den kleinen Hafen von Nelson ein: 140 Passagiere taumeln von Bord, darunter vier lutherische Missionare. Es sind die ersten deutschen Siedler, die neuseeländischen Boden betreten. Sie haben eine Überfahrt von einem halben Jahr hinter sich. Der Schiffspassage ans andere Ende der Welt war eine Kampagne der New Zealand Company voraus gegangen: Eine Werbeschrift offerierte Emigrationswilligen ein fernes Land mit fruchtbarem Boden, einem vertrauten Klima, mit Holz im Überfluss und Gewässern, reich an Fischbeständen ... Das klang nach Paradies.

Foto: Hopfen wird in der Region Nelson bis heute angebaut

Foto: Grabanlage der Familie Bensemann

Foto: Autorin Freya Klier (links im Bild) mit Nachfahren deutscher Siedler