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Arbeitskräftemangel und Inflation
Seit 4. Februar 2008 gelten neue Einwanderungsregeln für die sog. Skilled Migrant Category, die Einwanderungskategorie, die für die meisten Einwanderungskandidaten in Betracht kommt. Einen Tag später kursierte die Meldung durch die neuseeländischen Medien, dass im letzten Jahr 28.000 Kiwis nach Australien ausgewandert sind.
Dieser "Exodus" qualifizierter Kräfte wird allgemein bedauert, da es in Neuseeland ja an solchen mangelt. Es gibt aber auch Stimmen, die darin eine positive Bereicherung für Neuseeland sehen, denn Kiwis im Ausland (expats oder expatriats genannt) bilden ja schließlich ein gutes Netzwerk für international operierende Firmen in der Heimat. Außerdem seien die Expats, die nach einigen Jahren wieder nach Neuseeland zurückkehren (im letzten Jahr immerhin 8.500) in der Regel um viele nützliche Erfahrungen und Kontakte reicher, was Neuseeland letztendlich auch zugute kommt.
Wie immer man auch diese Situation einschätzt, man sollte meinen, dass die Tore für Einwanderer geöffnet werden, um den Verlust qualifizierter Kräfte nach Australien auszugleichen. Die Rechnung ist allerdings nicht ganz so simpel, denn ein anderer volkswirtschaftlicher Aspekt soll auch Berücksichtigung finden: Inflation!
Seit Jahren schon steigen insbesondere die Hauspreise in Neuseeland in Höhen, die für viele Neuseeländer nicht mehr erschwinglich sind. Das Haus ist für den Neuseeländer das, was für den Deutschen sein Auto ist - mit anderen Worten politisch ganz heiß. Ein Grund, warum die Hauspreise hochgehen, ist die von Einwanderern generierte Nachfrage nach Häusern und Unterkunft.
Die Regierung kann die Nachfrage beeinflussen, indem sie die Quote der Einwanderer, die pro Jahr reingelassen werden, verändert. Im Juli 2007 hat die Regierung die Quote von jährlich 47.000 bis 52.000 auf 45.000 bis 50.000 runtergeschraubt, in erster Linie, um die Inflation unter der Zielvorgabe von 3% zu halten.
Das Dilemma, dass auf der einen Seite mehr (qualifizierte) Einwanderer gebraucht werden und auf der anderen Seite damit die Inflation geschürt wird, versucht das Einwanderungsministerium durch die Einführung immer spezifischerer Auswahlkriterien zu lösen. Die am 04. Februar in Kraft getretenen Änderungen sind das Resultat dieses Versuchs. Bei der Ankündigung der Reform letztes Jahr wurde diese als Vereinfachung der Regeln verkauft - das ist gelinde gesagt eine Verdrehung der Tatsachen!
Zwar beschränken sich die Änderungen im Wesentlichen auf zwei Einzelaspekte des Einwanderungsrechts - die Definition von "skilled employment" (qualifizierte Arbeit) und auf die Frage, welche Ausbildungen anerkannt werden - übersichtlicher und damit einfacher ist das System damit aber nicht geworden. Um herauszufinden, ob der Job, den man hier angeboten bekommen hat, "skilled employment" ist oder nicht, muss man diverse nicht ohne wei-teres zugängliche Listen zu rate ziehen und man sollte auch wissen, wie seine Ausbildung hier von der NZQA (New Zealand Qualifications Authority) bewertet wird.
Ich möchte hier, um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen, die Komplexität einfach nur mal an einem Beispiel veranschaulichen: In der englischen Sprache gibt es für den Beruf des Kochs zwei Bezeichnungen: Chef und Cook. Die meisten Köche würden sich in Neuseeland als Chefs bezeichnen, wenn sie danach gefragt werden, und zwar unabhängig davon, ob sie Anfänger in ihrem Beruf sind oder schon nach französischem Standard Chef de Partie.
Der Übergang im allgemeinen Sprachgebrauch ist also fließend. Die Einwanderungsbürokratie macht die Unterschiede allerdings zu entscheidenden Faktoren im Einwanderungsprozess. Per Definition (laut maßgeb-lichem Australian and New Zealand Standard Classification of Occupations, eine 845-seitige Liste!) ist ein Chef jemand, der das Kochen organisiert und plant, während ein Cook sich mit dem eigentlichen Kochen beschäftigt. Der feine Unterschied kann darüber entscheiden, ob ein Job skilled employment ist oder nicht.
Wer böse Überraschungen vermeiden will sollte vor Einreichung des Residence Antrages daher genau prüfen, ob seine Arbeit auch tatsächlich den Anforderungen des "skilled employments" entsprechen. Das gilt übrigens auch für die, die hier schon mit einem Work Permit arbeiten, denn die Tatsache, dass die Einwanderungsbehörden einen Work Permit (befristete Arbeitserlaubnis) erteilt haben, ist keine Garantie, dass diese Arbeit auch als skilled employment eingestuft wird.
Zurück zum Thema: Die Einwanderungsflut (und damit in gewissem Masse auch die Inflation) wird mit Sicherheit dadurch ein wenig eingedämmt, dass einige Einwanderer über die Komplexität der Regeln stolpern und nicht nach Neuseeland kommen. Ob damit aber der Arbeitskräftemangel behoben werden kann, wage ich zu bezweifeln.
Oder um das obige Beispiel weiterzuspinnen - ein deutscher Koch (mit einer Ausbildung, die die NZQA mit nur Level 3 bewertet hat) mit gehobener Berufserfahrung wird es unter Umständen schwer haben, zum Beispiel auf Grund von Sprachbarrieren, hier gleich eine gehobene (planende) Tätigkeit (als Chef) zu finden. Er wird sich daher sagen, dass er eben erstmal wieder von unten (als Cook) anfängt, um sich langsam hochzuarbeiten. Das macht sicher Sinn und trägt mittel- bis langfristig sicher auch dazu bei, den Arbeitskräftemangel zu beheben - nur einen Residence Permit wird er auf der Basis nicht bekommen!
Vielleicht hat sich die neuseeländische Bürokratie ja auch ganz einfach nur an das deutsche Sprichwort - "viele Köche verderben den Brei" - sprich "erhöhen die Inflation" erinnert…
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Last updated 4 July 2008
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Der Artikel stammt von Peter Hahn, einem ehemaligen Rechtsanwalt aus Berlin, der seit 16 Jahren in Wellington lebt und dort unter der Firma Hahn & Associates Ltd deutsche Einwanderer und Geschäftsleute berät. Detailliertere Auskünfte gibt es online: Auswandern mit Peter Hahn >
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