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KAPITI ISLAND - NATURPARADIES BEI WELLINGTON

NEUSEELAND NEWS unterwegs - Kiwi-Rufe vor der Haustür

Wellington, März 2012. Bislang kannte ich den Ruf von Neuseeland’s Nationaltier nur aus den Tierpostkarten, die zu zwitschern beginnen, wenn man sie öffnet. Kiwis sind nachtaktive Tiere und immer noch vom Aussterben bedroht. Es ist folglich nur an ganz bestimmten Orten möglich, die Tiere wirklich live zu erleben. Meine Erfahrungen mit den niedlichen Vögeln mit ihren langen Schnäbeln beschränkten sich jedoch auf Wildlife Center und Zoos. Doch das sollte sich bald ändern, so zumindest die Aussicht für meine Tour nach Kapiti Island.

Als mein Wecker um sechs Uhr klingelt ist es bereits hell. Die Vögel zwitschern im Garten – Amseln und ein einsamer Tui pfeifen ihr Ständchen. Die Koffer sind gepackt und schon bald setze ich mich hinter das Lenkrad. Ein knappe Stunde Fahrt in Richtung Norden liegt die Kapiti Coast. Von rauher felsiger Küstenlinie bis hin zu unendlich weiten Sandstränden bietet die Gegend eine Vielzahl von Aktivitäten. Obwohl sie deshalb ein beliebtes Wochenendziel für Wellingtonians ist, sind die Strände größtenteils noch einsam und völlig ursprünglich. Treibhölzer, Baumstämme, Muscheln, Bimssteine – hier schmiegt sich der dunkle Sandstrand an eine bizarre Dünenlandschaft, in der wilde Kaninchen ihr Zuhause gefunden haben. Von den kilometerlangen Stränden bietet sich ein fantastischer Blick auf die grünen Hügel des Hinterlandes und natürlich auf die unendlich scheinende Tasmanische See. Von überall aus kann man hier die dominante vorgelagerte Insel erkennen, Kapiti Island. Das grüne Naturparadies verlieh der gesamten Region ihren Namen. Bereits 1897 wurde Kapiti aufgrund der vorteilhaften Lage zum Naturreservat erklärt. Hier sollten einheimischen Pflanzen- und Tierarten ohne menschlichen Einfluss leben und gedeihen können. Heute lebt hier die größte Population an Brown Spottet Kiwis in ganz Neuseeland.

Die Wellen schaukeln heute sanft an das Ufer, die letzte Morgenröte ist nun gänzlich verschwunden. Jeder Passagier muss seine Taschen und Rucksäcke auf Nagetiere durchsuchen. Die Ranger des Departement of Conservation stehen mit wachsamem Auge daneben. Eingeschleppte Nager könnten das Aus für das Naturschutzprojekt bedeuten. Nicht viele der vorgelagerten Inseln, auf denen aktiv Naturschutz und Artenerhaltung betrieben wird, sind für die Öffentlichkeit zugänglich. Kapiti Island ist zusammen mit Stewart Island eine große Ausnahme, deshalb nehme ich diese Vorsichtsmaßnahmen gerne in Kauf. Nicht nur der eigentliche Transport per Fährboot und gegebenenfalls die Übernachtung sollten im Vorfeld arrangiert werden, sondern auch eine Genehmigung des DoC. Die Anzahl der Besucher pro Tag ist auf 50 für die Zentralinsel Rangatira und 30 Permits für das nördliche Ende, die Waiorua Bay, begrenzt. Eine Vorbuchung in der Hauptsaison ist deshalb unerlässlich.

Heute steht eine Gruppe Schlange, um auf einen Tagesausflug in das Zentrum von Kapiti Island zu unternehmen. Ich gehöre zu den wenigen Besuchern, die über Nacht in der Lodge bleiben und am nördlichen Ende aussteigen. Und das ist wirklich das Besondere, schon fast ein Geheimtipp. Wie so oft in Neuseeland, werden die besten Aktivitäten nicht gleich auf das Aushängeschild geschrieben. Die gesamte Kapiti Coast ist touristisch eher unentdeckt und deshalb eine wahre Perle auf der Nordinsel. Mit Kapiti Island findet man sowohl als Outdoor-Begeisterter wie auch als Naturliebhaber ein ungeahntes Paradies. Mein Besuch auf der mit wildem Buschwald bewucherten Zentralinsel vor einigen Jahren war schon ein in Erinnerung gebliebenes Erlebnis. Doch heute freue ich mich besonders, etwas Neues kennen zu lernen. Wir steigen über eine Rampe auf das Boot, welches von einem überdimensionalen Traktor zum Strand von Paraparaumu gezogen wird. Der Traktor schiebt das Boot röhrend ins Meer, bis es genügend Tiefgang hat, um selbst die Motoren ins Wasser zu senken. Mit jedem Meter Seeweg, den wir uns mehr vom Festland entfernen, entschwindet der Alltag. Meine Gedanken wandern in Richtung grüne Insel. Werde ich tatsächlich einen leibhaftigen Kiwi sehen, in freier Wildbahn?

Schnell fangen wir innerhalb der Gruppe an uns zu unterhalten. Eine junge Familie aus der Schweiz, zwei Deutsche, Holländer aus Wellington, zwei Paare aus der Region. Mit an Bord ist John Norett, unser Tourguide von Kapiti Island Nature Tours. Der Maori ist untypisch klein dafür aber um so drahtiger. Seiner Familie gehört das Privatland auf Kapiti Island, welches von Generation zu Generation weiter gegeben wurde. Seinem iwi gehört auch die Lodge, in der ich die kommende Nacht verbringen werde. In nur zwanzig Minuten Fahrt meistern wir die fünf Kilometer Distanz zum Festland und legen am Schotterstrand an. Die Metallbrücke landet knirschend auf den Steinen und wir setzen begrüßt von einem ganzen Schwarm kreischender Möven den ersten Fuß in das isolierte Naturparadies.

„Die brüten momentan zu Hunderten und deshalb veranstalten sie so einen Lärm“, erklärt John und deutet in die Luft. Vogelbeobachtung mag ja für manch einen wirklich langweilig, wenn nicht sogar spiessig, klingen. Weit gefehlt. Spätestens, wenn einem der erste Kaka Papagei auf die Schulter fliegt, packt einen die Begeisterung und der Fotoapparat wird nicht mehr aus der Hand gelegt!

Kapiti Island ist etwa zehn Kilometer lang, zwei Kilometer breit und umfaßt ein Areal von gut 1965 Hektar. Der höchste Berg der Insel liegt gut 520 Meter über dem Meeresspiegel. Unsere kleine Gruppe schlendert auf Trampelpfaden entlang der Küste und sammelt sich beim Shelter, einem hölzernen Unterstand. Mittlerweile knallt die Sonne vom wolkenlosen tiefblauen Himmel und die Schattenplätze sind begeehrt. John führt uns geschickt in die Geschichte von Kapiti Island ein. „Dieser Teil der Insel ist von der Vegetation her wesentlich jünger als das Zentrum. Meine Großeltern haben hier bis 1966 gefarmt und es gab so gut wie keinen Bewuchs. Die Schafe trampelten alles nieder. Als das letzte Nutztier von der Insel befördert war, erholte sich die Pflanzenwelt langsam wieder. Wir haben nichts künstlich angepflanzt. Das ist zu 100 Prozent der natürliche Bewuchs, wie er einst einmal Bestand hatte. Alle Samen waren bereits im Boden. Was ihr hier seht, ist also nicht älter als 45 Jahre. Als nächstes werden dann die höheren Bäume durch das Dickicht aus Manuka und Kanuka kommen und die unteren Sträucher die das Wachstum der Bäume schützen, sterben dann langsam ab. Erst 1980 bis 86 hat man angefangen die Insel gezielt von Possums zu befreien. Über 24.000 Nagetiere wurden in Fallen erlegt. Ab 1996 tötete man dann gezielt die Pazifischen und Norwegischen Ratten, die von den ersten Maori und den europäischen Siedlern eingeschleppt wurden.

Von da an konnte sich die Vogelwelt wieder erholen und das Resultat könnt ihr heute mit eigenen Augen sehen!“ Im Tiefflug jagen die Tui in der Luft nach Insekten und vollführen dabei waghalsige Flugmanöver. Unter unserem Shelter streiten sich lauthals zwei Weka-Rallen, hühnergroße vom Aussterben bedrohte braune Vögel. „Saddlebacks, Bellbirds, White Heads, Kokako, wuchtige Kererus, langbeinige Little Robins, leuchtend grüne Kakariki Papageien, intelligente Kakas und Kiwis machen den Großteil der heimischen Waldvögel hier aus. Von den alleine 280 Takahe Vögeln, die es weltweit noch gibt, leben 13 auf Kapiti Island. Eine unserer Takahe hat gerade ein Küken, also eigentlich 14“, verbessert sich John lachend. „All die Arten die schon längst vom Festland verschwunden sind, leben hier völlig ungestört von Feinden oder Nahrungsknappheit wie im Schlaraffenland. Unser Naturschutzprojekt ist wirklich einmalig. Von den Seevögeln wie dem Kingfisher oder Spoonbill mal ganz zu Schweigen.“

Der Maori zeigt uns, wie die einzelnen Vogelarten aussehen, auf was wir bei der Wanderung achten können. Es bleibt keine Frage unbeantwortet. „Leider haben wir im Oktober 2010 wieder ein Wiesel auf der Insel entdeckt. Als es endlich erlegt war, hat ein DNS-Test ergeben, dass es sich um ein Weibchen handelte. Man musste also davon ausgehen, dass das Wiesel tragend war und mittlerweile Nachwuchs existierte“, schließt er mit Sorgenfalten auf der Stirn. „Woher kamen denn die Tiere, gibt es irgendwelche Vermutungen?“, möchte eine Frau aus Christchurch wissen. „Es gibt nur zwei Theorien. Entweder das Nagetier kam mit einem der Fährschiffe über das Meer oder es ist auf einem großen Stück Treibholz aus einem Flußlauf in das Meer gespült worden und klammerte sich in Todesangst so an das Treibgut, bis es hier anlandete. Die genaue Ursache können wir einfach nicht feststellen.“ Das Departement of Conservation nimmt den Fall jedoch sehr ernst. Seither haben wir drei weitere Tiere auf der Insel erlegt. Die Gefahr ist jedoch noch lange nicht gebannt!“

"Kaka", ein zutraulicher Wald-Papagei auf Kapiti Island. Alle Fotos diese Seite: Anja Schönborn.

Neben der interessanten Flora und Fauna, der Artenvielfalt und dem Naturschutz auf Kapiti Island, hören wir uns auch gebannt die Geschichte der Insel an. Das Land gehörte seit Jahrhunderten den Vorfahren von John’s Stamm. „Drei iwi vermischten sich hier, Raukawa, Atiawa und Ngatitoa. Einer der bekanntesten Häuptlinge war Te Rauparaha. Er entkam nur um ein Haar lebend dem Kampf mit nördlicheren Stämmen und schrieb daraufhin den bekanntesten Haka >>Ka Mate<<, den die All Blacks heute noch vor den Rugby-Spielen vollziehen.“ Das Areal gehörte über all die Jahrhunderte bis heute dem Familienstamm von John, wird jedoch vom Departement of Conservation mit gemanaged. „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen dann die Wal- und Robbenfänger nach Kapiti. Da muss ganz schön etwas los gewesen sein. Wir haben Aufzeichnungen gefunden, welche beispielsweise die Beerdigungszeremonie eines der Stammeshäuptlinge auf der Insel beschreiben. Unser Volk hatte bis dato noch keine Schrift, die mündlichen Überlieferungen waren recht dürftig über die Jahrzehnte.“

Erst vor etwa zehn Jahren fing die Familie dann an im Rahmen eines Jugendprogrammes Problemteenager vom Festland nach Kapiti Island in Camps zu holen. Der Andrang war groß und auch Familienangehörige bekamen Sondergenehmigungen, um Kapiti Island zu besichtigen. „Wir hatten eine derart große Nachfrage, dass wir dann beschlossen haben, das als kleines Business auszuweiten. Viele Besucher sind immer noch unsere Familienangehörigen. Aber wir haben jetzt eben auch die Möglichkeit, begrenzt andere Gäste unterzubringen und ihnen das Erlebnis Kapiti zu ermöglichen.“

Langsam brechen wir zum Mittagessen in Richtung Lodge auf. Mit offenen Augen und Ohren sehen wir überall Tiere. Im Vorbeigehen schiebt John die Fußmatte vor der Eingangstür zur Seite. „Hier unten brüten übrigens Little Blue Penguins. Könnt Ihr die zwei Küken sehen?“, erwähnt er beiläufig, während er seine Wanderschuhe von den Füßen streift. Ungläubig sehen wir ihn an. Tatsächlich dort unter den Bodenbrettern der Veranda sitzen zwei winzige bläuliche Pinguinbabies. Wir haben gar keine Zeit zum Bestaunen der kleinsten Pinguinart. Kaum haben wir die Barriere, welche die Massen an frechen Wekas aus dem Wohnraum hält, passiert, landet ein Kaka direkt in der Tür und guckt neugierig in den Aufenthaltsraum. Er scheint genau zu wissen, daß es gleich Mittagessen gibt. Es stört ihn nicht im geringsten, dass mehrere Leute während er auf der Tür sitzt, ein und ausgehen. Als dann ein Teilnehmer aus unserer Gruppe mit einem Keks in der Hand zur Seitentür auf das Deck tritt, fliegt er ihm sogar auf die Schulter. Wirklich unglaublich!

„Die Kakas wissen genau, ob jemand zu Hause ist, oder nicht!“, ruft uns John über die Schulter zu. „Wenn jemand in der Küche arbeitet, kommt er herein geflogen und sucht nach Krümeln um den Tisch. Wenn gar keiner im Raum ist, fliegt er sogar in die Küche, öffnet geschickt die Türen des Vorratsschrankes und pickt dann alles an, um sein Lieblingsfutter zu bekommen.“ Unser Guide lacht. Während wir den nur eine Stunde zuvor vom nebenan wohnenen Cousin gefangenen Backfisch mit Salat genießen, sind die Kakas das Gesprächsthema Nummer eins. Wir fühlen uns alle pudelwohl, essen gemeinsam mit Koch und Familie am langen Tisch.

Nach dem Essen checken wir in unsere gemütlichen mit Holz vertäfelten Gästezimmer ein. Neben der Familienlodge mit zwei Zimmern, in die unsere Holländer einziehen, bekommen wir die urigen, top ausgestatteten Zimmer mit hölzernen Stockbetten. Luxus, denn wir sind in dieser Nacht nur so wenig Gäste, dass jeder sogar seinen eigenen Raum erhält. Der Dusch- und Toilettenblock liegt nur wenige Meter entfernt beim Haupthaus. Strom und Wasser sind hier knapp. Alternativenergien, ein Generator für Notfälle und Recycling sind für die handvoll Bewohner auf Kapiti ein großes Thema.

Maori John gibt uns nun zu viert eine Tour durch das Privatgrundstück seiner Familie. „Seht Ihr dort drüben im Busch die Höhle? Das ist ein Kiwibau.“ Neugierig langen wir mit den Armen hinein. Eine Armlänge und kein Ende zu spüren. Ein Vogel sitzt allerdings nicht im Erdloch. „Ein Kiwi-Pärchen, sie bleiben übrigens ein Leben lang zusammen, belegt auf Kapiti ein Territorium von etwa fünf Hektar. Innerhalb dieses Areals hat das Paar mehrere Höhlen. Je nachdem wo sie sich gerade befinden, wenn es dämmert, dort schlafen sie dann während des Tages. Das muss auch nicht immer die gleiche Höhle sein, in der das Männchen und das Weibchen bleiben. Wenn sie dann mit dem Einbruch der Dunkelheit wieder aufwachen und aus ihrer Höhle kriechen rufen sie als erstes ihren Partner und genau das ist es, was ihr heute Abend bei der Kiwi spotting Tour versucht zu hören.“ Wir können es kaum erwarten, denn das wird mit Sicherheit das Highlight des Tages – oder eine Enttäuschung, wenn wir keine Kiwis finden...

Nach unzähligen Informationen auf der gemeinsamen Wanderung trennen wir uns und lösen uns in kleine Gruppen auf. Alle wollen heute noch den Gipfel erstürmen, denn von dem „Lookout“ soll man eine umwerfende Aussicht in alle Richtungen haben. Wir entdecken noch mehr Kiwi-Höhlen im Busch, Fantails, Kakariki, Tuis, Kakas, Wekas, die mit uns zu laufen scheinen. Überall wimmelt es vor Vögeln. Die schwerfälligen Waldtauben sitzen sogar genüsslich mit ausgebreiteten Flügeln in der Sonne mitten auf dem Weg. Es ist wahrlich ein Vogelparadies. Nach gut einer halben Stunden erklimmen wir den Hügel und lassen uns im hohen Gras auf der Klippe nieder, um die Sonne und die atemberaubende Aussicht zu geniessen. Die Sonne funkelt auf dem Wasser und bis auf einige kleine Fischerboote ist weit und breit nichts am Horizont zu sehen. Doch Moment mal, was war das an der Küste? Flossen? Oder habe ich mich getäuscht? Da war es wieder, einige schwarze Flossen ganz nahe an der Küste etwa 300 Meter unter uns. Für den Fotoapparat viel zu weit aber wir sind uns alle einig, das müssen Delfine sein!

Nach über einer Stunde verlassen wir schweren Herzens unseren Picknickplatz und machen uns auf den Weg zurück zur Lodge. An der Lagune ist ein Treiben wie auf einem Jahrmarkt. John hatte uns erklärt dass dort Teile des Küstenweges während der Brutsaison sogar gesperrt sind, um die nistenden Vögel nicht zu stören. Wir geniessen die unberührte Natur und ihr fantastisches, fast schon zahmes Wildlife in vollen Zügen. Nach einer erfrischenden Dusche läuft tatsächlich die Takahe-Mutter mit ihrem Küken nur fünf Meter von unserem Zimmer entfernt vorbei. Zu wissen, dass es diese Spezies nur noch 280 mal auf der Welt gibt, macht einen wirklich nachdenklich.

Die gemeinsamen Drinks und das hervorragende Abendessen vergehen in so guter Gesellschaft wie im Flug. John erzählt uns, dass dort, wo wir die vermeindlichen Delfine gesichtet haben, eine Robbenkolonie liegt und wir vermutlich Orcas bei der Jagd nach Heulern gesehen haben. Trotz interessanter Unterhaltungen, kann ich es kaum erwarten, bis es dunkel wird und wir endlich zur Kiwi-Tour aufbrechen können. Vicky ist Spezialistin für Kiwi. Sie zeigt uns gemeinsam mit John ein Glas voller Kiwifedern. Sie fühlen sich tatsächlich an wie Fell. „Der Kiwi ist der einzige Vogel, der zwei Nasenlöcher am Ende des Schnabels hat und seine Nahrung sozusagen erschnüffelt. Und genau das versuchen wir nachher neben den Rufen zu hören. John zeigt uns ein Röntgenbild, auf dem klar zu sehen ist, wieviel Platz ein Kiwiei im Körper der Mutter einnimmt.

„Proportional zum Körpergewicht legen Kiwis die größten Eier in der Tierwelt“, erklärt er und legt uns ein Kiwiei vor die Nase. Wirklich erstaunlich. „Auf Kapiti Island leben etwa 1000 bis 1200 Brown spottet Kiwi und einige North Island Kiwi. Wir versuchen heute Abend die Brown spottet Kiwi zu finden. Diese Art wird nicht ganz zu unrecht auch >>The grey ghosts<< die grauen Geister genannt, weil sie aufgrund ihres grauen Gefieders unglaublich schwer zu sehen sind in der Dunkelheit. Wir haben auch gerade Vollmond. Kiwis sind wirkliche Nachttiere, je dunkler desto besser. Aber ich werde mein möglichstes tun, um Euch welche zu zeigen”, sagt Vicki und wir rüsten uns aus. Meine Hoffnung auf einen echten Kiwi in freier Wildbahn schwinden schön langsam. Nicht raschelnde Bekleidung, nur Handtaschenlampen und gehfeste Schuhe, dann sind wir bereit. Vicky selbst hat eine große Taschenlampe, geht voraus. Wie eine Entenfamilie folgen wir ihr in einer langen Reihe.

“Leuchtet mit Euren Taschenlampen nur auf den Boden, damit ihr nicht stolpert. Ihr müßt absolut ruhig sein und wenn ich die Taschenlampe ausmache, schaltet Ihr Eure auch aus. Dann bleiben wir stehen und warten ab. Mit dem roten Licht, versuche ich dann Euch den Kiwi im dichten Unterholz zu zeigen. Seit jederzeit bereit. Sie sehen schwerfällig aus, können aber rennen wie der Blitz!”

So ziehen wir los. Der Mond scheint so hell, dass wir keinerlei Taschenlampen brauchen. Manchmal dauert es nur 20 Minuten bis zur ersten Kiwisichtung, manchmal tappt man zwei Stunden durch die Dunkelheit und hat dennoch keinen Erfolg. Als alter Pessimist mache ich mir so meine Gedanken. Mucksmäuschenstill bewegen wir uns durch die Nacht. Komischerweise macht mir der Wald so ganz im Dunkeln überhaupt nichts aus. Die Augen gewöhnen sich derart schnell an das wenige Licht und mit der Aussicht, tatsächlich einen Kiwi zu sehen, ist überhaupt kein Platz für Geister- und Spukgeschichten. Auf einmal bleibt Vicky stehen. Mein Herz beginnt zu klopfen und ich versuche sogar das Atmen zu unterdrücken, um keine Geräusche von mir zu geben.

Kiwis halten sich lieber vom Menschen fern, wollen ungestört sein. Vicky schaltet das Rotlicht an, leuchtet von rechts nach links, wieder zurück. Nichts. Dann schaltet sie die Lampe für ein paar Minuten aus und lauscht. Es raschelt. Das könnten auch Skinks, kleine Eidechsen sein, die mit den Blättern von den Bäumen fallen, hat sie uns noch erklärt. Oder Little Blue Penguins. Aber die laufen gewöhnlich schneller und sind schwerfälliger. Tap tap tap, nicht tap tap – tap tap. Wie war doch gleich wieder der Ruf des Weibchens, wie der des Männchens? Wir hören nur ein Morepork, eine kleine neuseeländische Eule, in den Baumwipfeln. Vicky setzt sich wieder in Bewegung. Mist, war nichts. So geht es noch einige Male, bis wir nahe der Manuka Büsche durch die wir bereits am Nachmittag gewandert sind, stehen bleiben. Äste knacken, Laub raschelt. Und dann kann ich es ganz deutlich hören. Oben am Hang ruft lautstark ein Kiwi.

Der Ruf schallt durch das gesamte Tal. Wie kann ein einziger Vogel so ein Stimmvolumen erzeugen? Danach ist es wieder totenstill. Auf einmal leuchtet Vicky’s rote Lampe auf den Weg direkt vor uns und da, tatsächlich, ein weiß-grauer Kiwi läuft direkt vor uns über den Weg und verschwindet dann wieder im Unterholz. Ich kann mein Glück kaum fassen. Ein echter Kiwi, direkt vor der Nase, in freier Natur! In dieser Nacht sehe ich noch vier weitere Kiwis und einige Little Blue Penguins. Was für ein Erlebnis! Das Schwimmen mit Hektordelfinen vor ein paar Jahren und jetzt dieses Erlebnis gehören zu den schönsten Erfahrungen, die ich in sechs Jahren Neuseeland gemacht habe. Ich fühle mich wirklich privilegiert! Denn wer kann schon behaupten, er hat einen echten Kiwi in freier Wildbahn gesehen? Anja Schönborn

Mehr Info zu Kapiti Island, den Kiwi Spotting Tours und der Übernachtungsmöglichkeit gibt es unter:

www.kapitiislandnaturetours.co.nz


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Last updated 6 March 2012


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